Besuch beim Arzt
Eines Tages wurden meine Magenschmerzen so schlimm, daß ich sie nicht mehr aushalten konnte. Ich wälzte mich auf meinem Bett, rang nach Luft, massierte den Magen oder legte kochendheiße Tücher auf, daß ich bald aussah wie ein gesottener Krebs, nichts half. Ich mußte einen Arzt aufsuchen, um mir schmerzlindernde Mittel verschreiben zu lassen, es blieb mir keine andere Wahl.
Mama war entsetzt, als ich ihr sagte, ich wolle zu einem Arzt gehen, denn sie war sicher, er werde sofort auf meine Beschneidung aufmerksam werden und mich danach fragen. Auch Papa und meine Geschwister waren voller Sorge, aber am Ende sahen sie ein, daß ich mit diesen Schmerzen nicht mehr weiterleben konnte. So wurde der Arztbesuch von der ganzen Familie beschlossen.
Bisher hatten weder Papa, Alex noch ich einen Arzt gebraucht und wir machten uns auch nie Gedanken darüber, wie wir uns in einem solchen Fall verhalten sollten. Von Mama kam die Idee, wie so oft im Ansatz kühn, doch unausgereift und letztlich dilettantisch. In Südrußland gab es zu der Zeit, als Mama dort lebte, noch immer verhältnismäßig große Gemeinden der verbotenen Sekte der Skopzen. Die Anhänger dieser im 17. Jahrhundert gegründeten und völlig im Sühnegedanken verstrickten christlich-schwärmerischen Gruppe hatten die schreckliche Angewohnheit, ihren vermeintlichen Schuldanteil an der Erbsünde durch Selbstverstümmelung zu bezahlen. Dieser Brauch hatte sich im Laufe der Zeit auf ein symbolisches Beschneiden der Vorhaut reduziert.
Während ich die Fäuste in die Magengrube preßte und dabei stöhnte, schärfte Mama mir ein: »Merk dir gut, Walja, was du dem Arzt zu sagen hast, wenn er nach deiner Beschneidung fragen sollte: deine Eltern, die Wolgadeutsche sind, gehörten der Sekte der Skopzen an, bei denen das Beschneiden üblich war. Das ist der Grund, weshalb auch du beschnitten bist. Wenn der Arzt noch mehr wissen will, sagst du, das sei nach deiner Geburt gemacht worden, irgendwo in einem Frankfurter Krankenhaus. Und sonst sagst du nichts, kein Wort. Hast du verstanden?«
Ich merkte mir die Geschichte gut, obwohl ich große Zweifel hatte. Aber wie das in der Familie so üblich war, widersprach ich Mama nicht. Warum auch? Sollte ich sie noch unglücklicher machen?
In einem offiziellen Verzeichnis fanden wir unter der Rubrik »Fachärzte für Magen- und Darmkrankheiten« den Namen Dr. Kurt Hanf-Dreßler. Mama erinnerte sich, daß auch Frau Volk aus dem Vorderhaus zu ihm ging und ihn gelobt hatte. Seine Praxis war nicht weit von uns entfernt, am Blittersdorfplatz.
Der Abschied, den mir meine Familie bereitete, als ich mich auf den Weg zum Arzt machte, war wie bei einer Trennung für immer. Diese fünfzehn Minuten die Mainzer Landstraße hinauf wurden zu einem schweren Gang. Ich hatte Herzklopfen - aber keine Magenschmerzen mehr. Sie waren wie weggeblasen, das erste Mal seit vielen Tagen. Ich überlegte, ob ich umkehren solle, aber ich wußte genau, die Schmerzen würden wiederkommen. Also ging ich weiter.
Im Wartezimmer des Arztes saßen etwa zwanzig Personen gelangweilt herum und blätterten in Zeitungen und Zeitschriften. Ich war ein wenig erleichtert, denn ich konnte mir ausrechnen, daß ich noch mindestens zwei Stunden oder auch drei bis zur Untersuchung haben würde. Mir war noch eine Frist gegeben. Meine Magenbeschwerden waren inzwischen tatsächlich weg. Viel zu schnell hintereinander wurden die Patienten aufgerufen. Nun saßen nur noch fünf vor mir. Die Tür öffnete sich und statt der Sprechstundenhilfe stand der Arzt selbst im Türrahmen, um den nächsten Kranken hereinzubitten. Unter dem weißen Kittel trug er eine braune Uniform, offenbar eine von der SA. Am Hals erkannte man das Braunhemd mit irgendwelchen Chargenspiegeln und an den Beinen über Breecheshosen braune Reitstiefel. - Später erfuhr ich, daß Dr. Hanf-Dreßler ein Führer in der Frankfurter Reiter-SA war.
Bei diesem Anblick kam mir nicht einmal mehr Mamas »Maseltow« in den Sinn. Verschwinden wäre das einzig Vernünftige gewesen. Noch war Zeit, niemand hätte mich aufgehalten.
Oft habe ich mich gefragt, warum ich in diesem Augenblick nicht gegangen bin. Ich blieb im Wartezimmer sitzen mit den Magen- und Darmkranken, blätterte in alten, abgegriffenen Zeitschriften, hörte den SA-Doktor im Nebenzimmer hantieren und sprechen, zählte die Patienten, die noch vor mir waren, jetzt noch drei, noch zwei - und wartete, bis ich aufgerufen wurde.
Und dann saß ich auf dem Stuhl vor ihm, zwischen uns der Schreibtisch, und erzählte ihm, welche Beschwerden ich hatte. Doktor Hanf-Dreßler hörte, so schien es mir, uninteressiert hin, machte sich noch irgendwo einige Notizen, verstaute eine Karteikarte in der Schublade und sagte: »Nun machen Sie mal den Oberkörper frei und legen Sie sich dort auf die Liege.« Ich tat, wie mir geheißen.
Er beugte sich über mich, und ich sah nichts weiter als die beiden Chargenspiegel auf dem braunen Hemd mit den silbernen Sternen drauf, gefältelte Knopfaugen einer bösen Fratze.
Seine Finger drückten hier und dort auf den Bauch und ertasteten zwischen den Rippen das Zentrum der Schmerzen. Dann drückte er den unteren Bauch ab. »Tut's hier auch weh?«
»Nein.«
»Hier?«
»Nein.«
»Öffnen Sie mal die Hose.«
Während ich noch zögernd an den Knöpfen herumnestelte, zog er mir die Hose, wie er es wohl oft machte, nach unten. »Nanu, was ist denn das?«
»Was meinen Sie?«
»Sind Sie beschnitten?«
»Nein - doch.«
»Was heißt das: nein, doch?«
Stotternd begann ich meine Geschichte von den Skopzen, deren Schuldbewußtsein um die Erbsünde so weit ging, daß sie sich selbst entmannten, und daß mich darum meine Eltern hätten beschneiden lassen.
Ich weiß nicht, wie weit ich gekommen war, als er mich ärgerlich anfuhr: »Erzählen Sie mir keinen solchen Blödsinn. Sie sind doch in Frankfurt geboren. Wer hat den Schnitt gemacht?«
»Ich wurde in einem Krankenhaus beschnitten.«
»Wenn das von einem Arzt in einem Krankenhaus gemacht worden wäre, dann sähe das ganz anders aus. Haben Sie daran schon einmal gedacht, wenn Sie solche Geschichten erzählen?«
»Ja, aber Sie können mir glauben -«
Scharf unterbrach mich Dr. Hanf-Dreßler: »Jetzt hören Sie endlich auf mit dem dummen Zeug! Passen Sie genau auf, was ich Ihnen sage: Jeder Arzt, nicht nur ich, erkennt das einwandfrei als rituellen Schnitt eines jüdischen Beschneiders.« Und nach einer ganzen Weile: »Solche Geschichten lassen Sie mal in Zukunft.« Dabei tastete er mich immer weiter ab. »Haben Sie hier Schmerzen?«
»Nein.«
»Und hier?«
»Nein.«
Er zog mir mit einem Ruck die Hose wieder hoch, richtete sich auf, ging ans Waschbecken, wusch sich die Hände und sagte: »Sie können sich wieder anziehen. Ihre Magenbeschwerden scheinen nervöser Natur zu sein. Möglicherweise ist auch eine Gastritis dazugekommen, eine Magenschleimhautentzündung. Ich verschreibe Ihnen eine Rollkur.«
Dann setzte er sich an den Schreibtisch, füllte ein Rezeptformular aus, erklärte mir noch, wie ich die Rollkur machen müsse, welche Diät ich in der nächsten Zeit einhalten solle, und verabschiedete sich mit den Worten: »Wenn's gar nicht besser wird, müssen Sie halt noch mal kommen. Auf Wiedersehn, Herr -« er schaute auf die Karteikarte: »Herr Senger.«
Er öffnete mir die Tür zum Flur, wandte sich an seine Sprechstundenhilfe: »Der nächste Patient!« und ging in sein Ordinationszimmer zurück. Die Tür schloß sich.
Und wieder schien es, als ob wir am Ende angekommen seien. Jeder SA-Mann hatte einen feierlichen Treueid geleistet, Hitler und dem Dritten Reich zu dienen und die Marxisten und Juden zu bekämpfen, damit die arische Rasse reinerhalten bleibe. So war auch der SA-Mann Dr. Hanf-Dreßler verpflichtet, Meldung über einen getarnten Juden zu machen. Aus seinen Bemerkungen während der Untersuchung war deutlich zu verstehen gewesen, daß er mich als Jude erkannt, wenn man so will: entlarvt hatte.
Und noch etwas kam hinzu: in dieser Zeit, es mag Ende 1938 oder Anfang 1939 gewesen sein, war bereits das Gesetz in Kraft getreten, nach dem alle Juden einen kennzeichnenden Vornamen tragen mußten, bei Frauen »Sarah«, bei Männern »Israel«. Mit diesen Vornamen wurden nicht nur die polizeilichen Unterlagen, Pässe und andere Ausweise ergänzt, jedes amtliche oder nichtamtliche Formular, das ein Jude auszufüllen, jede Unterschrift, die er zu leisten hatte, mußten mit dem ausgeschriebenen Zwangsvornamen versehen sein.
So war es für den Arzt einfach, anhand meines Krankenscheins zu erkennen, daß ich nicht als Jude registriert war, es fehlte der kennzeichnende Vorname Israel. Ich war also, so mußte zwangsläufig seine Schlußfolgerung sein, auf illegale Weise durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft, und hier spätestens hörte seine ärztliche Schweigepflicht auf, denn der fehlende Vorname Israel hatte nichts mit meinen Magenbeschwerden zu tun - oder doch nur sehr mittelbar.
Zu Hause erzählte ich nichts von meinem Erlebnis. Was würde es auch nützen? Mama bekäme erneut einen Herzanfall, und Papa würde ihr kalte Tücher aufs Herz legen, im Zimmer auf und ab gehen und stöhnen: »O Gott, mit was haben wir das verdient?«
Nur Alex erzählte ich davon. Er war überzeugt, Dr. Hanf-Dreßler würde eine Meldung machen. Gemeinsam warteten wir darauf, daß nunmehr der Ernstfall eintrete. Nach Tagen schrecklicher Ungewißheit mußte ich erkennen, daß der Arzt geschwiegen und so unsere Familie vor der Deportation und damit vor der Vernichtung bewahrt hatte.
Viele Jahre später erfuhr ich, Dr. Hanf-Dreßler habe, obwohl er in der Reiter-SA war, einer Reihe von Juden geholfen, habe sie trotz Verbots in seiner Praxis behandelt, außerhalb der Sprechstunde, und in seinem Jagdhaus im Spessart ein jüdisches Ehepaar über ein halbes Jahr versteckt gehalten, bis sich eine Gelegenheit fand, die beiden illegal über die Grenze zu bringen. Und in seiner Privatklinik im Frankfurter Westend habe er bis zu deren Zerstörung durch amerikanische Bomber eine jüdische Ärztin unter falschem Namen als Krankenschwester beschäftigt.
Dr. Hanf-Dreßler hatte nach Kriegsende einige Zeit in der Provinz gearbeitet und war erst in den fünfziger Jahren nach Frankfurt zurückgekehrt. 1967 erfuhr ich zufällig, daß er Chefarzt im Bürgerhospital sei. Da nahm ich mir vor, ihn aufzusuchen, unsere damalige Begegnung in seiner Praxis zu schildern und ihm zu danken.
Ich zögerte, zu ihm zu gehen, vielleicht würde er mich mißverstehen. Meine Frau drängte mich. Ein letztes Mal redeten wir um die Weihnachtszeit 1970 darüber. Ich versprach, nun endlich mit Dr. Hanf-Dreßler einen Termin auszumachen. Anfang Februar 1971 rief ich im Bürgerhospital an.
Von seiner Sekretärin bekam ich die Auskunft, der Chefarzt sei zur Zeit in Urlaub. Wenn ich ihn sprechen wolle, müsse ich mich in zwei Wochen noch einmal melden.
Einige Tage nach diesem Anruf las ich in der »Frankfurter Rundschau« die Meldung: »Der Chefarzt des Bürgerhospitals, Dr. Kurt Hanf-Dreßler, ist am 24. Februar 1971, an seinem 67. Geburtstag, zusammen mit seiner Frau beim Skilaufen im Silvretta-Gebiet in den österreichischen Alpen durch eine Staublawine ums Leben gekommen.«